KI als Ressource im Schreibkontext der Hochschullehre

KI als Ressource im Schreibkontext der Hochschullehre

Generative KI wird im hochschulischen Schreiballtag häufig zuerst als Problem oder Risiko wahrgenommen. Gleichzeitig zeigt sich in der Forschung wie in der Praxis, dass viele Studierende KI-Tools bereits selbstverständlich nutzen – zur Ideengenerierung, zum Überarbeiten von Texten oder zur sprachlichen Unterstützung (Garell & Mayer 2025, Hüsch 2025, Hoffmann et al. 2026). Für die Hochschullehre stellt sich daher weniger die Frage, ob KI im Schreibkontext eingesetzt wird, sondern wie sie didaktisch sinnvoll eingeordnet werden kann

Dieser Artikel richtet den Blick auf KI als Ressource im Schreibprozess und zeigt, welche Potenziale sich für die Schreibförderung ergeben. 

Was Sie hier lernen 

In diesem Artikel erfahren Sie, 

  • welche Funktionen KI-Tools aktuell im Schreibprozess übernehmen können, 
  • wo didaktische Potenziale für Lernen und Schreibentwicklung liegen, 
  • wie KI zur Unterstützung heterogener Studierendengruppen beitragen kann, 
  • und warum die Einbettung in Aufgaben und Prozesse entscheidend ist. 

Was KI-Tools im Schreibkontext derzeit leisten können 

Generative KI-Tools unterstützen unterschiedliche Phasen des Schreibprozesses. Dazu zählen unter anderem das Generieren von Ideen, das Strukturieren von Texten, sprachliche Überarbeitungen oder das Paraphrasieren von Inhalten. Im Vergleich zu früheren digitalen Werkzeugen reagieren KI-Systeme flexibel auf Eingaben und erzeugen zusammenhängende Texte in verschiedenen Schreibstilen.

57 Prozent der befragten Wissenschaftler*innen haben bereits KI-Schreibunterstützung genutzt (Van Noorden 2025), im Beruf entfallen rund 40 Prozent der arbeitsbezogenen ChatGPT-Nachrichten aufs Schreiben (Chatterji et al. 2025).

Gerade bei anspruchsvollen wissenschaftlichen oder technischen Texten bringt es dabei wenig, ein Tool zu öffnen und einen kompletten Text generieren zu lassen: Die Ergebnisse bleiben oberflächlich oder fachlich ungenau. Sinnvoller ist ein iteratives Vorgehen mit mehreren Tools für unterschiedliche Teilaufgaben, etwa Strukturieren, sprachliche Überarbeitung, Gegenlesen einzelner Argumente. Der Mensch bleibt dabei durchgehend aktiv: Er gibt eigene Gedanken ein, prüft, wählt aus, modifiziert, passt an, gibt erneut ein. Er orchestriert den Prozess, statt ihn abzugeben.

Potenziale für die Kompetenzförderung

Nicht nur in Bezug auf die Textqualität, sondern auch didaktisch relevant ist dabei die Frage, wie diese Funktionen genutzt werden: als Denkanstoß, als Lernhilfe oder als Ersatz für eigenständige Arbeit. Steinhoff & Lehnen (2025) unterscheiden drei Praktiken im Umgang mit KI:

  1. Ghost: Der Mensch nimmt die Rolle eines Kunden ein und delegiert die Erstellung von Inhalten an die KI.
  2. Tutor: Der Mensch begreift sich als Lernender und lässt sich von der KI als wissensüberlegener Instanz Erklärungen, Anleitungen, Tipps und Feedback zum eigenen Text geben.
  3. Partner: Der Mensch nutzt die KI als Gesprächspartner zur Inspiration und Ideenentwicklung.

Richtig eingebunden, also in der Tutor- oder Partner-Rolle, kann KI die Schreibförderung unterstützen. Als Tutor hilft sie Studierenden, Schreibhemmungen zu überwinden, indem sie Erklärungen, Anleitungen und Feedback zu Stil, Verständlichkeit oder Kohärenz gibt. Als Partner regt sie zur Ideenentwicklung an, etwa bei ersten Textentwürfen oder beim Prüfen alternativer Formulierungen. 

Diese Nutzung ist insbesondere dann lernförderlich, wenn Studierende KI-Vorschläge prüfen, vergleichen und kritisch bewerten, anstatt sie ungeprüft zu übernehmen, wie es in der Ghost-Praktik der Fall wäre. Gleichzeitig entwickeln sie dabei ihre kritische KI-Kompetenz.. 

Unterstützung sprachlich und fachlich heterogener Studierender 

KI kann im Schreibprozess eine kompensatorische Funktion übernehmen, etwa für mehrsprachige Studierende oder für Studierende mit Unsicherheiten im wissenschaftlichen Schreiben. Sprachliche Korrekturen oder Umformulierungen können entlasten und den Fokus auf fachliche Argumentation lenken. 

Eine quasi-experimentelle Studie mit 70 chinesischen Studierenden zeigt, dass ChatGPT die englische akademische Schreibkompetenz in Bezug auf Inhalt, Struktur und Kohärenz, Grammatik, sprachliche Bandbreite, Wortschatz, Rechtschreibung und Form verbessern kann, wobei über 60 Prozent der Studierenden zusätzlich einen positiven Effekt auf ihr Engagement berichteten (Hongxia & Razali 2025).

Didaktisch sinnvoll ist dieser Einsatz vor allem dann, wenn KI nicht als „Abkürzung“, sondern als temporäre Unterstützung verstanden wird, die schrittweise zu mehr Selbstständigkeit führt. 

Didaktische Einbettung als zentrale Voraussetzung 

Ob KI im Schreibkontext lernförderlich wirkt, hängt wesentlich von ihrer didaktischen Einbettung ab. Aufgabenstellungen, Begleitfragen und Reflexionsanlässe geben Orientierung dafür, wie KI genutzt werden darf oder soll. Transparenz darüber, welche Formen der Nutzung erlaubt sind, entlastet Studierende und schafft Klarheit. Bereits 2023 hat Christian Spannagel seinen Studierenden die vielbeachteten „Rules for Tools“ mitgeteilt, von denen Sie hier einen Auszug sehen:

1. Alle Medien und Werkzeuge sind erlaubt. […] Dies gilt auch für KI-Werkzeuge wie ChatGPT, die zum Beispiel beim Generieren von Ideen und beim Verfassen von Texten sehr hilfreich sein können. […]
2. Sie verantworten Ihre Arbeitsergebnisse. […]
3. Geben Sie verwendete Hilfsmittel an.
5. Keine Regeln ohne Ausnahmen. Wenn in Lern- oder Prüfungssituationen Hilfsmittel nicht erlaubt sind, dann teile ich Ihnen das mit. Ich liefere Ihnen auch eine Begründung dafür.

Prof. Dr. Christian Spannagel (PH Heidelberg)

Das Framework zur Entwicklung von Regeln bei KI-gestützten Schreibprozessen stellt dar, wie mögliche KI-Verwendung in verschiedenen Phasen des Schreibprozesses aussehen kann, z.B. in der Phase der Themen-/Fragefindung (Schreibzentrum Goethe-Universität o.D.):

  • Inspiration: sich mögliche Themen vorschlagen lassen
  • Ergänzend: sich mögliche Fragestellungen vorschlagen lassen
  • Unterstützend: die Fragestellung im Dialog mit dem KI-Tool verfeinern
  • Inhaltsgestaltend: sich die Fragestellung vorgeben lassen.

Das können Sie jetzt tun 

Wählen Sie eine Schreibaufgabe aus Ihrer Lehrveranstaltung und überlegen Sie:

  • In welcher Phase des Schreibprozesses – Einstieg, Strukturierung, Formulierung, Überarbeitung – könnten Studierende sinnvoll KI nutzen?
  • Und wo würde KI den Lerngewinn eher umgehen als unterstützen?
  • Probieren Sie es selbst aus: Geben Sie die Aufgabe in ein KI-Tool ein und schauen Sie, was entsteht. 

Zum Weiterlesen, Ausprobieren und Anhören 

Rechtliche Grundlagen zum Einsatz von KI in der Lehre finden Sie in unserem Übersichtsartikel:
KI in der Lehre: Rechtliche Grundlagen auf einen Blick

Quellen

Tipps für Lehrende 

  • Thematisieren Sie KI offen als Teil aktueller Schreibpraxis: teilen Sie Ihre eigenen Praktiken oder laden Sie Industriepartner ein. 
  • Fördern Sie den vergleichenden Umgang mit KI‑Vorschlägen. 
  • Verknüpfen Sie KI‑Nutzung mit Reflexionsaufgaben, nicht nur mit Textproduktion. 

So geht es weiter 

Im nächsten Artikel stehen die Herausforderungen des KI‑Einsatzes im Schreibkontext im Mittelpunkt – von Fragen zu Autor*innenschaft bis hin zu Konsequenzen für Prüfungs- und Bewertungspraxis. 

Bildnachweis: Jamillah Knowles & Digit / https://betterimagesofai.org / https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/

Der Beitrag wurde veröffentlicht im Juni 2026.

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