Viele Studierende sind zu Beginn eines Studiums auf die Anforderungen an ihre Selbstorganisation nicht gut vorbereitet. Darin mag auch eine Ursache für die hohen Abbruchquoten im ersten Semester liegen – so die Hypothese der Fakultät Verfahrenstechnik.
Um diese Hypothese zu überprüfen, wurde in Zusammenarbeit mit dem Team Lehr- und Kompetenzentwicklung (LeKo) ein Modul „Lernen lernen“ im Umfang von 4 ECTS entwickelt und im Curriculum verankert. Ziel des Moduls war es, dass die Studierenden ihr Lernen eigenständig und reflektiert strukturieren können.
Ich hatte mit viel Widerstand gerechnet bei den Studierenden.
Uta-Beate Grönn, Dozentin des Moduls
Eine Besonderheit war, dass das Modul im Tandem von einem Fachdozenten der Fakultät, Prof. Christoph Reichel, und einer Lehrbeauftragten mit Coaching-Ausbildung und langjähriger Praxiserfahrung, Uta-Beate Grönn, durchgeführt wurde.
Frau Grönn gibt in diesem Praxisbeispiel Einblick in den Ablauf und insbesondere in die Erfahrungswerte und Lessons Learned aus der Praxis nach der zweimaligen Durchführung des Moduls.
Die Inhalte umfassten Themen und Methoden zu Lernen, Selbstorganisation, Resilienz und Zeitmanagement, wie sie im beruflichen Umfeld gängige Praxis sind.
Wie war das Modul aufgebaut?
Im Modul werden 2 SWS fachlicher Input zu Lernstrategien, Lernmethoden und Selbstorganisation mit 2 SWS Training und Peer-Coaching kombiniert.
Bei den fachlichen Inhalten reicht das Spektrum von klassischen Lerntechniken und Lernmethoden über Zeit- und Prioritätenmanagement (z. B. Eisenhower-Matrix) bis hin zu Resilienz, Stressmanagement und Motivation.
Diese Inhalte übertragen die Studierenden auf ihre eigene Situation im Studium und wenden die Methoden und Strategien an. Die Studierende erstellen zum Beispiel Wochen- und Lernpläne, reflektieren ihre Fortschritte und entwickeln eigene Strategien. Die Prüfungsleistung erfolgt in Form eines Lernportfolios, in dem die Studierenden ihre Anwendungen und ihre Lernentwicklung dokumentieren und reflektieren.
Beim Peer-Coaching unterstützen sich die Studierenden in Kleingruppen gegenseitig bei der Anwendung der Methoden und bei der Lösung konkreter Herausforderungen aus ihrem Studienalltag. Die Studierenden werden in dieser Phase von beiden Lehrenden in ihrer Rolle als Coaching-Expertin bzw. Fachexperte begleitet.

Hat es sich gelohnt, im Tandem zu lehren?
Ja, auf jeden Fall.
Der Fachdozent nimmt während er 2 SWS Peer-Coaching eine Schlüsselrolle ein. Er ist durch seine Mitwirkung automatisch Vorbild für die Studierenden in Hinblick auf die Fachkultur, das Arbeiten und Lernen im Fachbereich.
Dadurch dass der Fachdozent die eigenen Lebenserfahrungen in der Verfahrenstechnik und die Höhen und Tiefen, die die Arbeit als Ingenieur mit sich bringen, einbrachte, veränderte sich außerdem die Wahrnehmung der Studierenden. Der Professor wurde nahbar und die Beziehung zu den Studierenden wurde offener und vertrauensvoller.
Gleichzeitig veränderte sich auch die eigene Lehre des Fachdozenten. Durch die enge Zusammenarbeit und den Einblick in die Situation und die Lernprozesse der Studierenden entwickelte er seine didaktischen Ansätze weiter. Die neuen Impulse aus dem Modul trug er außerdem über Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen an der Fakultät in die Breite.
Um als Fachdozent das Modul gut mitverantworten zu können, braucht es eine generelle Offenheit für neue Formate, die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit der bzw. dem Coach, Reflexionsfähigkeit in Bezug auf das Modul und die eigene Rolle sowie echtes Interesse an den Studierenden und deren Lernentwicklung.
In der Rolle als Coach war die inhaltliche Verantwortung für die Themen im Modul, die konkrete Durchführung der 2 SWS mit fachlichen Inhalten sowie die Moderation und Steuerung der Gruppe beim Peer-Coaching prägend.
Die Coaching-Expertise war essenziell, um die Inhalte passend zur Gruppe zu vertiefen und die individuelle Entwicklung der Studierenden methodisch zu fördern.
Für die Studierenden ist diese Art der Zusammenarbeit in der Regel neu: Sie sprechen über sich und ihre eigenen Schwächen, reflektieren mit dem Lernen ein Verhalten, das sonst kaum thematisiert wird, und sie sind angehalten, sich gegenseitig aufmerksam zuzuhören und zu helfen, obwohl sie sich noch nicht gut kennen. Insgesamt ist das eine sehr komplexe Anforderung an die Studierenden, die die professionelle Anleitung und Begleitung der Coaching-Expertin benötigte. Sie ermöglichte es, auch schwierige Situationen wie Konflikten oder Widerstand in den Lernprozess zu integrieren und eine konstruktive Arbeitsatmosphäre zu stützen.
Wie kam das Modul bei den Studierenden an?
Der Erfolg des Moduls zeigt sich auf jeden Fall deutlich in den Zahlen: Die Abbruchquote konnte deutlich gesenkt werden – nahezu alle Studierenden haben ihr Studium nach dem ersten Semester fortgesetzt..
An unmittelbaren Effekten zeigten die Studierenden eine stärkere Bindung innerhalb der Kohorte, als es aus vergangenen Semestern bekannt war. Sie beteiligten sich auch in den anderen Modulen aktiver und suchten den Kontakt zur Lehrperson. Zum Beispiel saßen die Teilnehmenden des Moduls in einer Fachvorlesung geschlossen in den vorderen Reihen und interagierten mit dem Dozenten, während andere Studierende eher passiv im Hintergrund blieben und lose über die hinteren Reihen verteilt saßen.
In Äußerungen der Studierenden wurde deutlich, dass das Modul als hilfreich empfunden wurde, um das Studium zu verstehen und sich wohlzufühlen.
Besonders geschätzt wurden konkrete Tools, wie die Pomodoro-Technik, die Eisenhower-Matrix sowie das Lernportfolio als Reflexionsinstrument.
Besonders positiv überraschend war, wie gut viele der Studierenden das Modul angenommen haben. Sie haben nicht nur die Inhalte in ihr Lernverhalten integriert, sondern die Techniken und Methoden auch eigenständig weiterentwickelt und zum Beispiel weiter recherchiert oder nach passenden digitalen Tools gesucht.
Beim Peer-Coaching wünschen sich die Studierenden intensivere Anleitung, und sie regten an, das Modul ans Ende eines Studientages zu platzieren, so dass im Anschluss keine Fachveranstaltung mehr stattfindet.
Lohnt sich der Aufwand, ein solches Modul einzuführen?
Trotz der vielen positiven Effekte ist das Format natürlich anspruchsvoll und die Zusammenarbeit im Tandem erfordert Abstimmung und gegenseitiges Verständnis.
Dennoch überwiegen die Erfolge und Vorteile, die für ein solches Modul sprechen:
Die Abbruchquote wurde nachweislich massiv reduziert, die Studienleistungen verbessert. Die Studierenden wuchsen als Kohorte zusammen und bereichern die Lehre durch ihre aktive Beteiligung und den Kontakt zu den Lehrenden. Persönliche Hemmnisse bei einzelnen Studierenden kamen frühzeitig ans Licht und konnten durch die Vermittlung in individuelle Coachings aufgefangen werden, bevor sie den Studienverlauf gefährdeten.
Wahrscheinlich wäre es förderlich für das Konzept, am Anfang einen Einführungstag als Blockveranstaltung zu machen und dann nur ca. 8-10 Wochen das Modul fortzuführen, so dass die Studierenden dann genug gelernt haben, um die Prüfungszeit gut organisiert selbst zu machen.
Insgesamt kann das Modul als voller Erfolg bewertet werden, der auf jeden Fall den Invest an Zeit und den Platz im Curriculum rechtfertigt: Das ganze Studium über das Modul hinaus wird davon profitieren – so die Rückmeldung der Studierenden, der beiden Lehrenden und anderer Lehrender, die in dem Modul hospitierten.
Das Konzept lässt sich gut auf andere Fakultäten übertragen, da es bewusst flexibel angelegt ist und bereits für mehrere Anwendungsszenarien angepasst wurde und umgesetzt wird. Für einen gelungenen Transfer empfiehlt sich, das Format zunächst erlebbar zu machen – etwa durch gemeinsame Workshops oder Coaching-Sequenzen mit Lehrenden der Fakultät, um ein Gefühl für Ablauf und Wirkung zu entwickeln. Entscheidend ist, das Modul nicht starr zu übernehmen, sondern an die jeweiligen Bedarfe der Lehrenden und der Studierenden sowie an die Fachkultur und die Rahmenbedingungen anzupassen.
Der Beitrag wurde veröffentlicht im Juni 2026.


