Schreiben ist ein zentrales Element akademischer Lehre – nicht nur in Schreibworkshops, sondern in nahezu allen Disziplinen. Gleichzeitig wird Schreiben durch generative KI neu herausgefordert: Schreibprozesse verändern sich, Produkte sind schneller verfügbar und klassische Aufgabenformate geraten unter Druck. Für Lehrende stellt sich daher die Frage, wie Schreiben heute sinnvoll gelehrt, begleitet und bewertet werden kann.
Dieser Artikel richtet den Blick auf didaktische Perspektiven der Schreibförderung und zeigt, welche Rolle Schreibaufgaben, Lernsettings und curriculare Verankerung im Studium spielen.
Was Sie hier lernen
In diesem Artikel erfahren Sie,
- wie Schreibförderung an Hochschulen strukturell verankert ist,
- welche didaktischen Funktionen Schreibaufgaben erfüllen können,
- wie Schreiben auch außerhalb klassischer Schreibveranstaltungen integriert werden kann,
- und warum eine bewusste didaktische Gestaltung im Umgang mit KI besonders wichtig ist
Schreibförderung an Hochschulen: curricular, extracurricular, digital
Schreibförderung an Hochschulen findet auf unterschiedlichen Ebenen statt. Curriculare Angebote wie Pflicht- oder Wahlmodule zum wissenschaftlichen Schreiben sind ebenso verbreitet wie extracurriculare Unterstützungsangebote durch Schreibzentren, Tutorien oder Workshops. In den letzten Jahren haben zudem digitale Formate an Bedeutung gewonnen – etwa Online-Schreibberatung, Selbstlernmaterialien oder KI‑gestützte Tools.
Diese Vielfalt ist eine Stärke, kann aber auch dazu führen, dass Schreibförderung als „Zusatzelement“ wahrgenommen wird. Didaktisch wirksam wird Schreiben jedoch vor allem dann, wenn es eng mit fachlichen Lernzielen verknüpft ist.
Schreibaufgaben als didaktisches Instrument
Schreibaufgaben sind mehr als Leistungsnachweise. Sie strukturieren Lernprozesse, machen Denkwege sichtbar und unterstützen Studierende dabei, Inhalte zu verarbeiten und zu reflektieren. Je nach Gestaltung können Schreibaufgaben unterschiedliche didaktische Funktionen erfüllen:
- als Lernhilfe zur Strukturierung von Wissen,
- als Übungsformat zur Entwicklung wissenschaftlicher Sprache,
- als Diagnoseinstrument für Verständnisschwierigkeiten,
- oder als Prüfungsleistung.
Im Kontext generativer KI gewinnt diese Unterscheidung an Bedeutung. Denn nicht jede Schreibaufgabe eignet sich gleichermaßen, um Lernprozesse abzubilden oder Kompetenzentwicklung sichtbar zu machen.
Schreiben als Bestandteil fachlicher Lehre
Schreibenlernen ist nicht auf Schreibworkshops beschränkt. Auch in der Fachlehre wird geschrieben: in Protokollen, Berichten, Essays, Reflexionen, Projektarbeiten oder Prüfungen. Diese Schreibanlässe prägen wesentlich, welches Verständnis von wissenschaftlichem Schreiben Studierende entwickeln. Das bedeutet nicht, dass Fachlehrende „Schreiblehrende“ werden müssen – wohl aber, dass Schreibaufgaben bewusst gestaltet und begleitet werden.
Didaktische Funktionen sichtbar machen
Gerade im Umgang mit KI ist es hilfreich, die didaktische Funktion einer Schreibaufgabe transparent zu machen. Geht es um das Üben von Argumentationslogik? Um Fachsprache? Um Reflexion? Oder um Leistungsbewertung?
Je klarer diese Ziele benannt sind, desto leichter lassen sich Aufgaben KI‑resistent gestalten oder sinnvolle Nutzungsspielräume definieren. Unklar formulierte Schreibaufgaben hingegen laden dazu ein, Texte vollständig an KI zu delegieren und damit den Lerngewinn zu umgehen.
Wer Lernziele transparent macht, gibt Studierenden einen Grund, selbst zu schreiben. Zumal Kontrolle ohnehin nur begrenzt möglich ist.
Schreiben und Emotion: Was KI verändert
Viele Menschen haben Angst vor dem Schreiben. Wer wenig Erfahrung mit dem Schreiben hat oder im Schreibprozess hängt, produziert unfertige, unschöne Texte – und das ist unangenehm. Scham, Unsicherheit und Frustration gehören zum Schreiben dazu, besonders in frühen Phasen. Dieses Stadium musste man aushalten, um weiterzukommen.
Generative KI macht das überflüssig. Wer nicht weiß, wie anfangen, lässt KI anfangen. Wer einen holprigen Entwurf hat, lässt KI glätten. Der produktive, aber unangenehme Teil des Schreibprozesses lässt sich umgehen.
Wenn wir Studierenden diesen Lernprozess nicht vorenthalten möchten, müssen wir auch über die emotionale Seite des Schreibens sprechen: über Angst, Scham und Unsicherheit als normale Bestandteile des Schreibenlernens.
Schreibenlehren unter Bedingungen generativer KI
Generative KI verändert nicht nur Werkzeuge, sondern auch didaktische Entscheidungen. Lehrende stehen vor der Wahl, KI im Schreibkontext zu verbieten, zu tolerieren oder aktiv zu integrieren. Aus didaktischer Perspektive spricht vieles für einen reflektierten, transparenten Umgang, der Studierende in die Verantwortung einbindet. Dazu kann auch gehören, Studierenden für bestimmte Schreibaufgaben die Nutzung von KI nicht zu gestatten.
Zentrale Fragen sind dabei:
- In welchen Phasen des Schreibprozesses ist KI sinnvoll einsetzbar?
- Wo sind klare Grenzen notwendig?
- Und wie können Aufgaben so gestaltet werden, dass Lernen, nicht nur Textproduktion, im Mittelpunkt steht?
Ein Beispiel, wie das aussehen kann: Simon Meier-Vieracker, Professor für Angewandte Linguistik an der TU Dresden, hat in seinem Seminar einen radikalen Schritt gemacht. Aus Enttäuschung über die Ergebnisse einer KI-Freigabe mit Dokumentationspflicht verzichtet er nun vollständig auf KI – und schreibt mit seinen Studierenden live im Seminar: 20 Minuten, direkt zum Thema, ohne Nachreichen. Seine Bilanz nach der ersten Sitzung: Er habe 30 wirklich schöne Texte bekommen, von Studierenden, von denen er sonst kaum etwas höre (Meier-Vieracker 2026). Und:
Das sind junge Menschen, die Texte schreiben können. Das hatte ich schon fast vergessen. Man muss nur einen Rahmen schaffen, in dem sie es zeigen können.
Prof. Dr. Simon Meier-Vieracker (TU Dresden)
Das können Sie jetzt tun
Verschaffen Sie sich einen Überblick über die Rolle von Schreiben in Ihrem Modul oder Studiengang:
- Wo sind Schreibaufgaben curricular verankert – und wo eher zufällig entstanden?
- Welche Schreibanforderungen werden vorausgesetzt, ohne explizit thematisiert zu werden?
- Gibt es Anknüpfungspunkte an zentrale Unterstützungsangebote (z. B. Schreibzentrum, Tutorien)?
Nutzen Sie diese Bestandsaufnahme als Grundlage, um Schreiben nicht nur punktuell, sondern didaktisch eingebettet zu denken.
Das Team Lehr- und Kompetenzentwicklung (LeKo) unterstützt Sie gerne bei der Weiterentwicklung Ihrer Lehre.
📧 Kontakt: leko@th-nuernberg.de
Rechtliche Grundlagen zum Einsatz von KI in der Lehre finden Sie in unserem Übersichtsartikel: KI in der Lehre: Rechtliche Grundlagen auf einen Blick
Für Hochschulangehörige
Das Schreibzentrum der Ohm bietet Studierenden Schreibberatung und schriftliches Textfeedback durch Peer-Schreibtutor*innen. Informieren Sie Ihre Studierenden über dieses Angebot oder laden Sie das Schreibzentrum ein, sich kurz in Ihrer Lehrveranstaltung vorzustellen.
Haben Sie noch 5 Minuten?
Probieren Sie selbst ein Free Writing aus. Schreiben Sie fünf Minuten zum Inhalt dieses Artikels ungeplant und unzensiert drauflos und lassen Sie sich vom Ergebnis überraschen.
Tipps für Lehrende
- Integrieren Sie Schreibaufgaben früh und regelmäßig, nicht nur am Semesterende.
- Nutzen Sie kurze, niedrigschwellige Schreibformate (z. B. One-Minute-Paper, Lernjournale, Reflexionsimpulse, Cluster, Mindmap).
- Tauschen Sie sich mit Kolleg*innen über fachspezifische Schreibanforderungen aus.
So geht es weiter
Im nächsten Artikel stehen die Herausforderungen des KI-Einsatzes im Schreibkontext im Mittelpunkt – von Fragen zu Plagiat und Eigenleistung bis hin zu Konsequenzen für Bewertung und Prüfungsformate.
Quellen
Meier-Vieracker, Simon (22.04.2026). Schreiben. Wieder selbst schreiben. LinkedIn. https://www.linkedin.com/posts/simon-meier-vieracker-941b71239_schreiben-wieder-selbst-schreiben-und-damit-share-7452628955909517312-SD1Q
Bildnachweis: Jamillah Knowles & Digit / https://betterimagesofai.org / https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Weiterführende Literatur
Lahm, Swantje (2016): Schreiben in der Lehre: Handwerkszeug für Lehrende. Opladen und Toronto: Barbara Budrich.
Scheuermann, Ulrike (2012): Schreibdenken. Schreiben als Denk- und Lernwerkzeug nutzen und vermitteln. Stuttgart: UTB.
Der Beitrag wurde veröffentlicht im Juni 2026.