Beratungskompetenz aufzubauen bedarf neben theoretischem Input vor allem einer reflektierten Übungsphase, in der Raum für das Ausprobieren von Formulierungen, den Einsatz von unterschiedlichen Methoden und das Strukturieren von Beratungsprozessen usw. ermöglicht wird. Hierfür ist nicht nur Peer-Feedback, sondern auch eine strukturierte Begleitung der Studierenden nötig, um Reflexion anzuregen und fachlich-methodisches Feedback im Beratungsprozess zu geben.
Die Herausforderung liegt dabei in der Doppelrolle der Teilnehmenden: Studierende übernehmen sowohl die Rolle der ratsuchenden Person als auch die der Beratungsperson und wechseln diese Perspektiven im Verlauf der Fallpraxis. Die Fähigkeit zur Perspektivübernahme wird so zentraler Bestandteil der Kompetenzentwicklung.
In der Zusatzqualifikation Onlineberatung am Institut für E-Beratung der TH Nürnberg wird in jedem Semester für Studierende der Sozialen Arbeit studienbegleitend eine Weiterbildung angeboten, in der die Teilnehmenden im Rahmen des Abschlussmoduls „Fallpraxis“ die Möglichkeit haben, in Rollenspielen ihre Beratungskompetenz im digitalen Raum zu trainieren.
Hintergrund: Die Zusatzqualifikation „Onlineberatung“
Die Zusatzqualifikation Onlineberatung im Institut für E-Beratung der TH Nürnberg ist eine (freiwillige) studienbegleitende Weiterbildung für Studierende der Sozialen Arbeit und angrenzender Studiengänge (bspw. B.A. Erziehung und Bildung im Lebenslauf, Weiterbildungsmaster Beratung und Coaching). Die Qualifizierung entspricht den Richtlinien der Deutschsprachigen Gesellschaft für psychosoziale Onlineberatung (DGOB) und vermittelt fachliche Kenntnisse und praktische Fertigkeiten für kompetente Beratung im digitalen Raum.
Die Module der Zusatzqualifiaktion werden studienbegleitend absolviert und umfassen: Querschnitt Onlineberatung (das digitale Setting, Beratungstechniken usw.), Formen und Methoden sozialpädagogischer Beratung (klientenzentriert, lösungsorientiert usw.) und den Workshop Onlinekommunikation (Besonderheiten der Onlinekommunikation usw.). Nach Abschluss dieser Module können die Studierenden für die Fallpraxis zugelassen werden. Dies ist das Abschlussmodul der Weiterbildung. Es dauert ca. 3 Monate und umfasst insgesamt 120 h (inkl. Literaturstudium, Übungen im Learning Management System (LMS) Moodle, Kontakte mit Peers und der Mentorenperson usw.).
Ablauf des Beratungsprozesses im Rollenspiel
Die Studierenden arbeiten in Tandems und entwickeln konstruierte Fälle, in denen sie ratsuchende oder beratende Person sind. Dieser doppelte Rollenwechsel ermöglicht eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Perspektivübernahme und gibt zugleich die Möglichkeit, eine Rückmeldung über die Beratungstätigkeit zu erhalten: Wie wirken die Antworten der Beratenden auf das Gegenüber? Da die Fälle simuliert sind, entsteht ein geschützter Rahmen, der Beratungskompetenzen trainieren lässt, ohne ein Risiko einzugehen.
Der Beratungsprozess besteht aus mehreren Phasen:
Initialphase
Hier steht das Kennenlernen zwischen Mentor oder Mentorin und Mentee und die Klärung von Zielen, Erwartungen und Rahmenbedingungen der Zusammenarbeit im Vordergrund. Beratende und ratsuchende Person sind jeweils Studierende, also die Teilnehmenden der Weiterbildung, die zugleich Mentees sind. Mentorinnen und Mentoren (erfahrene Beratende mit (sozial-)pädagogischem Hintergrund) begleiten diesen Prozess und sind Ansprechpersonen bei Fragen.
Beratungsphase: online auf der EBS-Plattform
Die Fall-Anfragen (erstellt von den teilnehmenden Studierenden) werden zunächst auf der Plattform (EBS, entwickelt vom Institut für E-Beratung, IEB) als Mail-Anfrage eingestellt (vgl. Abb. 1).

Studierende nehmen Fälle an, indem sie die Beratung übernehmen und somit zu Beratungspersonen werden. Sie formulieren Antworten und gestalten den Beratungsverlauf, indem sie mindestens zwei Fälle in beiden Rollen durchlaufen und jeweils einen Medienwechsel (z.B. Wechsel von Mail zu Videoberatung) einbauen, um das Konzept des Blended Counseling zu erproben.
Zwischenevaluation
In der Mitte der Weiterbildungsphase Fallpraxis stehen die Reflexion des bisherigen Prozesses, die Sichtung der Entwicklungsschritte sowie die Identifikation offener Fragen oder Unsicherheiten im Fokus. Mentorenperson und jeweils zugeordnete Mentee(s) klären hier auch das weitere Vorgehen ab und es besteht die Möglichkeit, inhaltlich-fachliches Feedback seitens der Mentorenperson zu platzieren.
Abschlussphase
Zum Abschluss müssen die Studierenden eine schriftliche Reflexionsarbeit darüber anfertigen, inwiefern Fälle erfolgreich verlaufen sind und auch, welche Fälle nach Einschätzung der teilnehmenden Studierenden nicht so gut gelungen sind – anhand von Kriterien wie Gestaltung der Auftragsklärung oder Entwicklung der Antworten und Beziehungsgestaltung im digitalen Raum. Es erfolgt anschließend eine Bilanzierung und ein Rückblick auf Herausforderungen sowie ein Fazit über den Verlauf der Fallpraxis aus Sicht der Mentorenperson.
Die Studierenden erleben so den vollständigen Ablauf einer Onlineberatung aus zwei Perspektiven und übertragen theoretisches Wissen auf simulierte Praxissituationen.
Feedback im Beratungsprozess
Das Feedback auf die Beratungen auf der Plattform EBS erfolgt je nach Absprache im konkreten Beratungsfall per Mail (vgl. Abb. 2). Auf die von den Studierenden in der Rolle als Beratungsperson formulierte Antwort erfolgt dann das Feedback der Mentorenperson, ebenfalls in schriftlicher Form, nicht nur zeitnah, sondern auch konkret nachvollziehbar auf die jeweiligen Passagen bezogen, oder zusammenfassend auf eine ganze Antwortmail, die Studierende in die Plattform einstellen.

Beratung ist hier nicht nur Forschungs- und Lerngegenstand, sondern wird auch als Mittel der Begleitung eingesetzt. Ziel ist es, Studierende im Erlangen der Beratungskompetenz zu unterstützen und durch konstruktive Hinweise „Hilfe zur Selbsthilfe“ zu geben. Im Verlauf der Beratungen verschiebt sich das Feedback häufig von detaillierten Kommentaren zu zusammenfassenden Einschätzungen, sobald die Studierenden sicherer werden. Am Ende des Prozesses steht ein strukturiertes Abschlussfeedback in klassischer Sandwichform.
Neben dem Feedback der Mentorin oder des Mentors erfolgt auch Peer-Feedback in Form einer kollegialen Fallbesprechung oder Supervision, mit dem Ziel, die Wirkungen dieser Antworten auf das Gegenüber zu eruieren. Dies ist ein wesentlicher Mehrwert. Die Studierenden geben nach jedem Fall wechselseitige Rückmeldungen (per Chat, Video oder Telefon). Ziel ist, die Wirkungen der eigenen Aussagen aus der Sicht der jeweils anderen Rolle zu reflektieren und den Prozess gemeinsam auszuwerten. Dies stärkt sowohl die dialogische Perspektive als auch die Fähigkeit zur Selbstreflexion.
Das Zusammenspiel beider Feedbackebenen (durch Peers und Mentor bzw. Mentorin) schafft einen lernförderlichen Raum, in dem eine positive Fehlerkultur etabliert werden kann. Der hohe Aktivierungsgrad, das Üben in verschiedenen Rollen und die Möglichkeit, unterschiedliche Settings auszuprobieren, steigern die Motivation und fördern die kontinuierliche Weiterentwicklung der Beratungskompetenz im digitalen Raum.
Studierende digital beraten: Weiterbildung für Lehrende
Der Qualifizierungsbedarf von Lehrenden wird in den mit der Betreuung einhergehenden Aufgaben deutlich. Hier setzt die Weiterbildung „Digital begleiten und beraten in der Lehre“ an. Die Weiterbildung verfolgt das Ziel, Lehrende in der digitalen Beratungspraxis zu professionalisieren und sie dabei zu unterstützen, Studierende digital zu begleiten.
Beratung im Hochschulalltag findet in unterschiedlichen Kontexten statt und bringt Lehrende zunehmend in die Rolle eines Coachs, der/die Studierende dabei unterstützen soll, selbstgesteuert zu lernen und das Studium eigenverantwortlich zu gestalten. Hierfür gestaltete Beratungsangebote greifen häufig die digital durchsetzte Lebenswelt der Studierenden auf und stellen sich als Online-Angebote dar. Hier setzt die benannte Weiterbildung an und vermittelt theoretische Kenntnisse über den Onlineberatungs-Kontext, die dafür spezifische Kommunikation und die dafür passenden Beratungstechniken, die im Rahmen der Weiterbildung anhand von Fallbeispielen auch praktisch erprobt werden können.
Die Weiterbildung wurde als Teil des Projekts STARFISH (Laufzeit: 2021-2025) entwickelt und wird in Kooperation mit LeKo im Rahmen des Didaktikprogramms der TH Nürnberg durchgeführt.
Ausblick: Wie wird die Betreuung weiterentwickelt?
Um die Betreuung skalieren zu können und zugleich aktuelle Entwicklungen wie KI in der Beratung aufgreifen zu können, ist es geplant, KI-Feedback einzubinden und stärker auf Peer-Feedback zu setzen. Allerdings wird auch hierbei eine methodische Begleitung und Beratung Studierender nicht obsolet. Es gilt, die Rolle der KI im Beratungsprozess zu reflektieren, ebenso den KI-Output hinsichtlich seiner Qualität zu reflektieren und die KI als Unterstützung zu verstehen, nicht als Ersatz für menschliche Begleitung.
Der Beitrag wurde veröffentlicht im Dezember 2025 und zuletzt aktualisiert im Dezember 2025.

