Generative KI stellt Lehrende vor neue Herausforderungen – eröffnet aber zugleich die Möglichkeit, Schreibaufgaben grundlegend weiterzuentwickeln. Statt auf Kontrolle oder Verbote zu setzen, rücken zunehmend didaktische Gestaltungsfragen in den Mittelpunkt: Wie können Schreibaufgaben so konzipiert werden, dass sie Lernen fördern, Eigenleistung sichtbar machen und den reflektierten Umgang mit KI einschließen?
Dieser Artikel zeigt konkrete Ansätze, wie Schreibaufgaben KI‑resilient, prozessorientiert und kompetenzfördernd gestaltet werden können.
Was Sie hier lernen
In diesem Artikel erfahren Sie,
- wie Schreibaufgaben gestaltet werden können, die sich nicht leicht automatisieren lassen,
- wie KI sinnvoll und transparent in Schreibprozesse integriert werden kann,
- warum Reflexion, Transfer und Prozessorientierung zentrale didaktische Hebel sind,
- und welche besondere Rolle Präsenzlehre als Raum menschlicher Intelligenz spielt.
KI‑resiliente Schreibaufgaben: Lernen statt Textproduktion
KI‑resiliente Schreibaufgaben zielen weniger auf reproduktive Textprodukte, sondern auf Kompetenzen wie Analyse, Bewertung, Transfer und Reflexion. Aufgaben, die eine situative Einbettung, eine persönliche Perspektive oder eine explizite Auseinandersetzung mit dem eigenen Vorgehen erfordern, lassen sich nicht ohne Weiteres automatisieren.
Beispiele hierfür sind:
- Reflexionen über fachliche Entscheidungen,
- Transferaufgaben in neue Kontexte,
- oder begründete Stellungnahmen auf Basis eigener Lehr‑ oder Lernerfahrungen.
Solche Aufgaben rücken den Lernprozess in den Vordergrund und machen eigenständiges Denken sichtbar.
KI gezielt in den Schreibprozess integrieren
KI-resiliente Lehre bedeutet nicht, auf KI zu verzichten. Generative KI kann bewusst in einzelne Phasen des Schreibprozesses integriert werden, etwa zur Ideengenerierung, zur Strukturierung oder zur sprachlichen Überarbeitung. Entscheidend ist, dass diese Nutzung thematisiert, didaktisch begründet und von Reflexionsaufgaben begleitet wird. So wird KI zum Gegenstand von Lernprozessen und das Schreiben selbst zum Erkenntnisanlass.
Ein zentrales Lernziel dabei ist die Entwicklung von Schreibbewusstsein und digitaler Textkompetenz: Studierende verstehen, wie Texte entstehen, welche Entscheidungen sie dabei treffen und wie KI diese Prozesse beeinflusst. Das schließt das kritische Prüfen von KI-Vorschlägen ebenso ein wie die reflektierte Entscheidung, wann KI hilfreich ist und wann nicht.
Beispiel: Studierende verfassen ohne KI einen ersten Argumentationsentwurf. Anschließend geben sie denselben Schreibauftrag in ein KI-Tool ein und vergleichen das Ergebnis mit ihrem eigenen Text. Die Reflexionsaufgabe lautet: Wo weicht die KI-Version ab? Was hat sie vereinfacht, was übersehen? Was würdest du übernehmen – und warum? Diese Aufgabe schult den kritischen Umgang mit KI-Outputs und schärft zugleich das Bewusstsein für eigene Schreibentscheidungen.
Prozessorientierung
Eine prozessorientierte Schreibdidaktik gewinnt im Kontext generativer KI weiter an Bedeutung. Wenn nicht nur das Endprodukt, sondern auch Zwischenschritte, Überarbeitungen und Entscheidungen sichtbar werden, rückt die Eigenleistung der Studierenden stärker in den Fokus.
Mögliche Elemente sind: Zwischenabgaben, kurze Prozessreflexionen, dokumentierte Überarbeitungsphasen oder begleitende Schreibjournale. Diese Elemente müssen nicht benotet werden – ihr Wert liegt im Lernprozess, nicht im Nachweis von Eigenständigkeit (Buck et al. 2023).
Präsenzlehre als Raum menschlicher Intelligenz
Gerade im Zeitalter generativer KI gewinnt Präsenzlehre eine neue Bedeutung. Präsenzphasen können gezielt als Räume genutzt werden, in denen ohne KI gelesen, gedacht, geschrieben und diskutiert wird – etwa handschriftlich oder kollaborativ. Diese Phasen ermöglichen Verlangsamung, vertiefte Auseinandersetzung und unmittelbaren Austausch.
Dieses Prinzip lässt sich mit dem Inverted-Classroom-Modell verbinden: KI wird dann bewusst in Selbstlern- und Nachbereitungsphasen eingesetzt, um Texte weiterzuentwickeln oder zu vertiefen – während die Präsenzzeit für das bleibt, was KI nicht leisten kann.
Beispiel: Studierende bereiten sich auf das Seminarthema vor, indem sie sich zuhause einen Vortrag ansehen und Notizen machen. Im Seminar wird diskutiert – und im Anschluss daran eine eigene Position handschriftlich festgehalten. Diesen ersten Entwurf können die Studierenden zuhause mit KI-Unterstützung überarbeiten. Eingereicht werden beide Versionen: der handschriftliche Entwurf und die überarbeitete Fassung.
Das können Sie jetzt tun
Gestalten Sie Ihre nächste Schreibaufgabe bewusst KI‑resilient:
- Ergänzen Sie eine Reflexionsfrage zum Schreibprozess.
- Klären Sie, wo KI eingesetzt werden darf – und wo nicht.
- Planen Sie eine Präsenzphase, in der ohne KI gedacht, geschrieben und diskutiert wird.
Schon kleine Veränderungen können die Lernwirksamkeit von Schreibaufgaben deutlich erhöhen.
Zur Inspiration und Vertiefung
- Framework zur Entwicklung von Regeln für KI‑gestützte Schreibprozesse
- Positionspapier zur prozessorientierten Bewertung
- Praxisbeispiele aus der Hochschullehre: (z.B. „Mit KI über KI qualitativ forschen“ – LMU München)
- Nutzen Sie das interaktive Tool zur Reflexion der Frage, wie Sie mit KI-Tools beim Schreiben in der Lehre umgehen möchten.
Tipps für Lehrende
- Denken Sie Schreibaufgaben vom Lernziel her, nicht vom Produkt.
- Kombinieren Sie Präsenz‑ und Selbstlernphasen bewusst.
- Experimentieren Sie und holen Sie sich Feedback von Studierenden.
- Tauschen Sie Erfahrungen mit Kolleg*innen aus und entwickeln Sie eine gemeinsame Linie an der Fakultät, die sicherstellt, dass es sowohl Lernräume mit als auch ohne KI gibt, die sinnvoll aufeinander aufbauen.
Das Team Lehr- und Kompetenzentwicklung (LeKo) unterstützt Sie gerne bei der Weiterentwicklung Ihrer Lehre.
📧 Kontakt: leko@th-nuernberg.de
Rechtliche Grundlagen zum Einsatz von KI in der Lehre finden Sie in unserem Übersichtsartikel: KI in der Lehre: Rechtliche Grundlagen auf einen Blick
Quellen
- Weßels D., Bils A., Budde J. (2025). Wissenschaftliche Abschlussarbeiten im KI-Zeitalter. Disruption, Herausforderungen und neue Bewertungsansätze. Diskussionspapier Nr. 38. Berlin: Hochschulforum Digitalisierung. https://hochschulforumdigitalisierung.de/wp-content/uploads/2025/10/HFD_DP_38_wissenschaftliche_Abschlussarbeiten_im_KI-Zeitalter.pdf (22.06.2026)
- Isabella Buck, Hendrik Haverkamp, Anika Limburg, Nadine Lordick, Kirsten Schindler & Nicolaus Wilder (2023): Zur Frage einer prozessorientierten Bewertung schriftlicher Prüfungsleistungen. https://www.vkkiwa.de/blog/zur-frage-einer-prozessorientierten-bewertung (20.04.2026)
Der Beitrag wurde veröffentlicht im Juni 2026 und zuletzt aktualisiert im August 2026.

